• 17.08.2017
  • 09:52

Interview mit Keven Forbrig, Leiter der Regionalagentur Mittleres Ruhrgebiet

Interview "Mit dem Europäischen Sozialfonds wird konkret etwas für Menschen getan"Interview mit dem Leiter der Regionalagentur Mittleres Ruhrgebiet, Keven Forbrig, zum Europäischen Sozialfonds (ESF) in der RegionDie Regionalagentur Mittleres Ruhrgebiet hat eine Wanderausstellung "ESF-geförderte arbeits- und strukturpolitische Programme des Landes NRW im Mittleren Ruhrgebiet" erstellt. Im Interview erläutert Keven Forbrig, Leiter der Regionalagentur, die Bedeutung des Europäischen Sozialfonds (ESF) für die Menschen im Mittleren Ruhrgebiet und beschreibt das Aufgabenspektrum der Regionalagentur.

 

ARBEIT.NRW:

Herr Forbrig, was genau ist in der Ausstellung zu sehen?

Keven Forbrig:

Anhand von 15 Roll-ups informieren wir kurz und präzise über die Inhalte arbeitsmarktpolitischer Programme des Landes Nordrhein-Westfalen, die vom Europäischen Sozialfonds gefördert werden. Dazu gehören zum Beispiel die Potentialberatung und die öffentlich geförderte Beschäftigung, Produktionsschulen und Jugend in Arbeit plus, aber auch die Arbeitslosenzentren sowie die Fachberatung zur Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen im Rahmen des Förderprogramms „Beratung zur beruflichen Entwicklung“. Großformatige Bilder illustrieren zudem, wie diese Programme umgesetzt werden und welche Menschen und Unternehmen von ihnen profitieren.

ARBEIT.NRW:

Warum überhaupt eine Ausstellung zum ESF? Was ist der Anlass?

Keven Forbrig:

Der ESF ist das wichtigste Finanzierungsinstrument der Europäischen Union, um die Beschäftigungs- und Bildungschancen der Menschen in den Mitgliedstaaten zu verbessern, den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts zu stärken sowie die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen.

Ziel und Aufgabe des ESF, der 1957, also vor genau 60 Jahren erstmals aufgelegt wurde, ist es. „in Menschen zu investieren”. So profitiert die Region Mittleres Ruhrgebiet mit ihren Kommunen Bochum, Ennepe-Ruhr-Kreis, Herne, Hattingen und Witten seit je her von den zahlreichen Arbeitsmarkt- und Sozialprojekten, die mit Hilfe des Europäischen Sozialfonds (ESF) vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert werden. Ohne die ESF-Unterstützung würde es viele soziale und arbeitsmarktpolitische Projekte gar nicht geben.

Aber es geht auch darum, den europäischen Gedanken nach vorne zu tragen und zu verdeutlichen, dass die EU kein Bürokratie-Monster ist, sondern dass mit dem Geld des Europäischen Sozialfonds und mit Mitteln des Landes NRW konkret etwas für Menschen getan wird. Es ist wünschenswert, dass die Menschen in unserer Region mehr darüber wissen. Deswegen wird die Ausstellung später auch noch in anderen Kommunen zu sehen sein.

ARBEIT.NRW:

Wie viel Geld steht der Region Mittleres Ruhrgebiet über den ESF zur Verfügung und was genau bewirkt es?

Keven Forbrig:

In der letzten ESF-Förderperiode, also im Zeitraum von 2007 bis 2013, sind etwa 30 Millionen Euro an reiner ESF-Förderung in die Region Mittleres Ruhrgebiet geflossen – eine beachtliche Summe. Wie viele Menschen exakt davon profitieren, lässt sich nicht sagen, zumal es ein Unterschied ist, ob eine Person über zwei Jahre lang eine öffentlich geförderte Beschäftigung ausübt oder ob sie sich im Arbeitslosenzentrum sporadisch beraten lässt. Außerdem kommt etwa eine öffentlich geförderte Beschäftigung nicht nur der jeweiligen Person zugute, sondern – wenn es sich zum Beispiel um Alleinerziehende handelt – auch deren Kindern. Nicht nur in Zahlen zu bewerten ist auch die Wirkung zum Beispiel der Beratungsangebote in den Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren oder bei BBE. Sie zeigen vielen Menschen oft nach langer Zeit erstmals wieder Perspektiven auf und erzeugen Hoffnung für zukünftige Erfolge am Arbeitsmarkt.

Übrigens sind wir auch als Region insgesamt Nutznießer der ESF-Förderung. Das Mittlere Ruhrgebiet hat einen langanhaltenden, teils immer noch nicht abgeschlossenen Strukturwandel hinter sich und mit dem Zuzug geflüchteter Menschen ergeben sich aktuell zusätzliche Herausforderungen. In diesen Umbruchsituationen helfen ESF-geförderte Unterstützungsmaßnahmen, Notsituationen zumindest abzumildern. Auch bei der Bekämpfung von Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit ist im Mittleren Ruhrgebiet  noch viel zu tun, aber die hier zu verzeichnenden Veränderungen zum Besseren sind nicht nur der positiven wirtschaftlichen Entwicklung zu verdanken, sondern auch den umfassenden und zielgenauen ESF-geförderten Landes-Programmen und den Beratungsleistungen der verschiedenen Akteure.

ARBEIT.NRW:

Warum aber ist es eine Regionalagentur, die so eine Ausstellung über den ESF konzipiert?

Keven Forbrig:

Ganz einfach: Als Regionalagentur sind wir unter anderem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Auf unserer Homepage, über Pressemitteilungen und sonstige Formate informieren wir über die ESF-geförderten Programme in der Region, machen sie so bekannt und berichten, was sie sozial und arbeitsmarktpolitisch im Einzelnen bewirken.

ARBEIT.NRW:

Was zählt sonst noch zu Ihrem Aufgabenspektrum? Oder grundsätzlich: Welche Funktion hat eine Regionalagentur?

Keven Forbrig:

Als Regionalagentur sind wir Teil der regionalisierten Arbeitsmarktpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen und damit ein wichtiges Element der landesweiten Umsetzungs- und Unterstützungsstruktur des Landesarbeitsministeriums. Neben der genannten öffentlichkeitswirksamen Information über arbeitsmarktpolitische Programme von Land und EU beraten wir auch zu den ESF-geförderten Programmen des Landes. Wir wirken bei der Entwicklung von Projektanträgen, helfen bei der Antragstellung und schreiben fachliche Stellungnahmen zu den Ideen und Projekten, die im Lenkungskreisberaten werden und in dem die wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Akteure vertreten sind.

Darüber hinaus sorgen wir für den wechselseitigen Informationsaustausch zwischen Land und Kommunen. Dazu betreiben wir eine intensive Netzwerkarbeit, veranstalten Runde Tische mit unterschiedlichen Partnern und tragen über unsere Beratung und ein gewisses Controlling zur Qualitätssicherung bei. Beim Förderangebot Potentialberatung sind wir zudem Erstberatungsstelle für kleine und mittelständische Unternehmen.

ARBEIT.NRW:

Mit wem genau kooperieren Sie? In welche Netzwerke sind Sie eingebunden?

Keven Forbrig:

Da ist vor allem der Lenkungskreis zu nennen, für den unsere Regionalagentur praktisch als Geschäftsstelle fungiert. In ihm sind die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter, die fünf Kommunen Bochum, Herne, Witten, Hattingen und Ennepe-Ruhr-Kreis vertreten, sowie der Arbeitgeberverband, der DGB, die Handwerkskammer, die IHK, die Gleichstellungsstelle sowie beratend das Kompetenzzentrum Frau und Beruf.

Darüber hinaus gibt es teils von uns organisierte Runde Tische etwa zu den Landesprogrammen Jugend in Arbeit plus, Bildungsscheck NRW, Teilzeitberufsausbildung, Fachberatung für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sowie die ESF-geförderten Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren. Hinzu kommen regelmäßige Erfahrungsaustauschtreffen zur Potentialberatung oder zum ESF-geförderten Beratungsprogramm des Bundes „unternehmensWert:Mensch“. Aktuell organisieren wir gemeinsam mit der Märkischen Region einen Runden Tisch zum Landesprogramm „öffentlich geförderte Beschäftigung“.

Mit dabei sind wir auch beim Runden Tisch gegen Langzeitarbeitslosigkeit, dem regionalen Ausbildungskonsens sowie in den gemeinwohlorientierten Weiterbildungsnetzwerken; des Weiteren im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) oder bei Netzwerktreffen, die sich mit den Belangen geflüchteter Menschen befassen.

ARBEIT.NRW:

Welche spezielle Kompetenz bringt die Regionalagentur in diese Netzwerke ein?

Keven Forbrig:

Als Regionalagentur verfügen wir über Informationen zu den ESF-geförderten Landesprogrammen aus erster Hand und sind hinsichtlich der hier immer wieder anfallenden Veränderungen und Anpassungen jederzeit auf dem neuesten Stand und können so unsere Kooperationspartner zeitnah informieren. Zu wissen, ob zum Beispiel Erwerbslosenberatungsstellen über die gegenwärtige Förderperiode hinaus gefördert werden, ist für Sozialdezernentinnen und -dezernenten aller Kommunen von Belang. Hier sind wir der richtige Ansprechpartner.

Aufgrund unserer intensiven Beschäftigung mit Fachthemen wie der Digitalisierung, der Arbeit 4.0, können wir zudem Unternehmen darauf hinweisen, bei betrieblichen Veränderungsprozessen immer auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv einzubeziehen und Aspekte wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer mitzudenken.

Gut einbringen konnten wir unsere Kompetenz aktuell auch beim Aufbau eines Sprach- und Qualifizierungszentrums für geflüchtete Menschen in der ehemaligen Ausbildungswerkstatt der aufgelösten Firma Opel. Dazu haben, auf Initiative der IHK, vier Kommunen aus unserer Region – Bochum, Herne, Witten und Hattingen – einen Trägerverbund geschaffen. An diesem Prozess waren wir von Beginn an intensiv beteiligt und konnten unsere Kooperationspartner darüber informieren, welche ihrer Pläne förderfähig sind – und welche nicht. Das Engagement hat sich ausgezahlt: Das Sprach- und Qualifizierungszentrums für geflüchtete Menschen dürfte als Gemeinschaftswerk von vier Kommunen NRW-weit einmalig sein.